Kaffee zum Mitnehmen ist beliebt – und der Coffee-to-go-Becher landet schon nach einer Viertelstunde im Abfalleimer. Doch der bequeme Kaffeeschluck im Alltag füllt weltweit Mülldeponien. Was wäre, wenn eine ganze Stadt einfach auf Einwegbecher verzichtet? Genau das probiert Aarhus in Dänemark gerade aus – mit einem Pfandsystem, das inzwischen richtig gut läuft.
Das Problem: Berge von Pappbechern
In Dänemark landen pro Tag rund 820.000 Einwegbecher im Müll, berichtet das Online-Magazin Reasons to be Cheerful. Das sind 40 bis 45 Prozent des gesamten Abfalls. Einwegverpackungen für Essen und Getränke sind längst ein globales Problem. Auch in Deutschland nutzen wir jeden Coffee-to-go-Becher nur einmal und werfen ihn weg – pro Stunde 320.000 mal. Die Einweg-Becher bestehen aus Pappe, innen mit Plastik beschichtet oder aus Polystyrol. Pro Jahr 2,8 Milliarden Becher oder 34 Becher pro Kopf wandern allein in Deutschland auf den Müll. In Aarhus soll das anders werden. Dank eines Pfandsystems für Mehrwegbecher.
REUSEABLE: Pfandsystem für Mehrwegbecher
Im Januar 2024 hat Aarhus gemeinsam mit dem norwegischen Recyclingunternehmen TOMRA einen dreijährigen Versuch mit REUSEABLE begonnen. Und so funktioniert es:
- Pfand statt Müll. Wer Kaffee oder ein kaltes Getränk kauft, zahlt 5 dänische Kronen als Pfand (etwa 70 Cent). Dafür bekommt man einen Mehrwegbecher aus Polypropylen – blau-weiß mit Deckel für Heißgetränke, durchsichtig für Kaltgetränke und Bier. Statt ihn wegzuwerfen oder mit nach Hause zu nehmen, gibt man ihn zurück.
- Pfand zurück am Automaten. Bislang stehen 27 Rückgabeautomaten in der Innenstadt, an der Königlichen Bibliothek und auf dem Campus der Universität Aarhus. Becher einwerfen, Pfand zurück. Die Becher werden eingesammelt, zentral gewaschen und wieder verteilt.
- Teils Pflicht, teils Wahl: An Universität und Bibliothek ist der Mehrwegbecher Standard, in Cafés der Innenstadt können Gäste noch zwischen Einweg und Mehrweg wählen.
Projektleiter Anders Laursen erläutert den Pfandpreis: Der Preis pro Becher solle sich am Preis eines Einwegbechers orientieren, denn der Markt sei sehr preisgetrieben. Wo es auf jeden Cent ankommt, darf der Pfandbecher also nicht mehr kosten und wird gefördert.
Zwei Jahre später: Erfolg auf ganzer Linie
Die Zahlen überzeugen. 2025 kamen 89 Prozent der Becher zurück, beim Aarhus Festival sogar 95 Prozent. Seit dem Start sammelte die Stadt über zwei Millionen Becher ein, allein beim Festival mehr als 160.000 in zehn Tagen.
Durch den zentralen Wasch- und Logistikservice sparen die beteiligten Unternehmen den Aufwand für Rückgaben und interne Reinigung. So wird die Umstellung auf Mehrwegsysteme nicht nur nachhaltig, sondern auch unkompliziert. Der meistgenutzte Becher durchlief das System bereits 40-mal.
Eine Umfrage ergab: 84 Prozent der Nutzer:innen sind mit dem Pfandsystem zufrieden oder sehr zufrieden – besonders junge Menschen zwischen 18 und 34 Jahren.
Warum Aarhus Erfolg hat
Ein Grund ist die dänische Pfandkultur: Flaschen und Dosen werden seit Jahrzehnten mit Rückgabequoten von über 90 Prozent recycelt. Das Prinzip ist vertraut. Umweltforscher Anders Branth Pedersen von der Universität Aarhus bringt es auf den Punkt: Dänen vertrauen einander und den Behörden. Dieses Vertrauen, gepaart mit einem ausgeprägten Umweltbewusstsein gerade bei Jüngeren, machte es leichter, das neue Pfandsystem einzuführen.
Wo es noch hakt
Ganz reibungslos läuft es noch nicht. Die Stadt hat bislang über 3,5 Millionen Kronen (etwa 470.000 Euro) investiert. Damit sich das System selbst trägt, müsste es landesweit etwa achtmal so groß werden. Nutzer:innen wünschen sich mehr Rückgabestationen, und viele greifen weiterhin zum Einwegbecher, wenn sie die Wahl haben. Die meisten Take-away-Anbieter in Aarhus arbeiten noch immer mit Einwegverpackungen.
Vorbild für andere Städte – auch für Deutschland?
Aarhus ist nicht allein. Lissabon, Dubai, das kalifornische Petaluma und Freiburg im Breisgau testen ebenfalls Mehrwegsysteme. In Deutschland gilt seit 2023 ohnehin die sogenannte Mehrwegangebotspflicht: Gastronomiebetriebe müssen für Speisen und Getränke zum Mitnehmen eine Mehrwegalternative anbieten.
Aarhus zeigt: Ein Pfandsystem zieht erst, wenn Mehrweg zur einfachsten, selbstverständlichen Option wird – und nicht zur zusätzlichen Entscheidung, die man treffen muss. Vielleicht lohnt sich auch bei uns zu testen, wie der eigene Coffee-to-go automatisch im Mehrwegbecher landen könnte.
Quellen:
- Reasons to be Cheerful: Can this city banish single-use coffee cups?
- Umweltbundesamt: Neue Mehrwegangebotspflicht für Speisen & Getränke zum Mitnehmen
- https://www.bundesumweltministerium.de/faq/wie-viele-einweg-becher-werden-jaehrlich-verbraucht-wie-viele-landen-davon-in-der-umwelt
- https://www.duh.de/informieren/ressourcen-und-abfall/to-go-verpackungen/becherheld/becherheld-problem/
- https://www.umweltbundesamt.de/mehrweg-statt-einweg-fuer-kaffee-co
- https://www.duh.de/fileadmin/user_upload/download/Projektinformation/Mehrweg/reuse_conference_2025/REUSEconference2025_Steckbrief_Aarhus_final.pdf